{"id":87411,"date":"2015-08-11T11:04:15","date_gmt":"2015-08-11T09:04:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sprintefix.de\/?p=87411"},"modified":"2015-08-11T13:09:39","modified_gmt":"2015-08-11T11:09:39","slug":"abenteuer-swiss-alpine-oder-wie-ein-schweizer-uhrwerk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sprintefix.de\/?p=87411","title":{"rendered":"Abenteuer Swiss Alpine oder Wie ein Schweizer Uhrwerk"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Gastbericht von Gerlind<\/strong><\/p>\n<p>Was zieht einen Fischkopf zum Swiss Alpine nach Davos?<br \/>\nSchon wenige Wochen, nachdem ich mich Anfang Januar f\u00fcr dieses Event angemeldet hatte, wusste ich die Antwort auf diese Frage nicht mehr.<br \/>\n<div style=\"width: 473px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"ngg-singlepic ngg-none\" src=\"http:\/\/www.sprintefix.de\/wp-content\/gallery\/2014-07-26-swissalpine-davos\/IMG_3977.JPG\" alt=\"IMG_3977\" width=\"463\" height=\"308\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Blick auf Davos<\/p><\/div><br \/>\nLetzten Sommer hatte ich geh\u00f6rt, wie J\u00f6rg Beyer mir kurz vor der Rostocker Marathonnacht von dem K78 in Davos erz\u00e4hlte. Allerdings war die Schilderung eher gruselig als anheimelnd, denn er war ca. 10,5 Stunden in str\u00f6mendem Regen gelaufen. Auch Familie Kiesendahl hatte begeistert von der einzigartigen Atmosph\u00e4re in den Schweizer Bergen erz\u00e4hlt . Seitdem ging mir der Swiss Alpine nicht mehr aus dem Kopf. Da ich in der dunklen Jahreszeit immer anfange, meine Pl\u00e4ne f\u00fcr das kommende Jahr zu schmieden., lieb\u00e4ugelte ich mit einer Anmeldung bei dem <strong>30. Swiss Alpine am 25. Juli 2015.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Als ich meine langwierige Oberschenkelverletzung als auskuriert betrachtete, machte ich schon Anfang Januar meine Teilnahme perfekt, auch weil J\u00f6rg durch meine Anmeldung einen Rucksack gewinnen konnte. Nat\u00fcrlich meldete ich mich f\u00fcr den l\u00e4ngsten der angebotenen L\u00e4ufe, den K78, an, denn sonst lohnt sich ja die weite Anreise nicht &#8230; Mit Unterst\u00fctzung von J\u00f6rg und Klaus buchte ich meine Zugtickets, Klaus besorgte die Unterkunft.<\/p>\n<p>Leider machten sich die Beschwerden im Oberschenkel Ende Februar erneut bemerkbar. Physiotherapie half dagegen nicht, nur weniger laufen. Diese Strategie passte allerdings nicht zu der n\u00f6tigen Vorbereitung f\u00fcr einen Extremberglauf. Am 9. Mai lief ich zum 3. Mal den langen Kanten am Rennsteig, was mir \u00fcberhaupt keinen Spa\u00df machte. Aber ein Zur\u00fcck vom Swiss Alpine gab es f\u00fcr mich nicht, denn bisher bin ich bei allen L\u00e4ufen gestartet, f\u00fcr die ich mich angemeldet hatte.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem hatte ich schon viel Geld in das Projekt &#8222;Edelwei\u00df&#8220; investiert.<br \/>\nDie Generalprobe f\u00fcr Davos waren die 30 km in Krakow, die recht zufriedenstellend verliefen. Dennoch wollte ich es in den kommenden Wochen auf keinen Fall \u00fcbertreiben. Andererseits war mir nat\u00fcrlich klar, dass ich viel zu wenig lange L\u00e4ufe im Training absolviert hatte. Je n\u00e4her der Termin r\u00fcckte, desto nerv\u00f6ser wurde ich deshalb. Was hatte ich mir da blo\u00df vorgenommen! Ich muss verr\u00fcckt gewesen sein.<br \/>\nZum Gl\u00fcck las ich erst ein paar Tage nach meinem Ausflug in die Schweiz, was Klaus Duwe auf seinem Internet-Forum Marathon4you schreibt:<br \/>\n&#8222;Ich m\u00f6chte allerdings jeden Marathoni daran erinnern, dass er sich bis zu seinem ersten Marathon \u201ehochgearbeitet\u201c und nicht mit einem 42er begonnen, hat. Jetzt muss man das beim Trailrunning genauso machen und nicht mit einem Ultratrail anfangen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Do., 23.7.15:<\/strong><br \/>\nGestern Abend ist mir klar geworden, dass ich nur 76,1 km statt 78 km laufen muss. Hurra!<br \/>\nIch traf Christiane und J\u00f6rg Beyer sowie Klaus um kurz nach 8 am Hauptbahnhof Rostock. Da Christiane gerade vom Jakobsweg zur\u00fcckgekehrt war, hatten wir eine Menge Gespr\u00e4chsstoff. In Hamburg stiegen wir in den Zug nach Z\u00fcrich. In meinem Abteil sa\u00dfen zwei Kr\u00fcmelmonster &#8230; Als Klaus mir zeigte, dass die Deutsche Bahn ihm eine Mitteilung auf sein Handy geschickt hatte, dass der Halt Z\u00fcrich ausfallen w\u00fcrde, wollte ich das nicht glauben. Aber tats\u00e4chlich: Wegen der Versp\u00e4tung von 24 Minuten nahm die Schweizer Bahn den Zug nicht mehr an. Wir stiegen in Basel in den n\u00e4chsten Zug nach Landquart, wo wir direkt Anschluss nach Davos hatten. Von der Rh\u00e4tischen Bahn aus bestaunten wir die Schweizer Bergwelt. Gegen 21:30 Uhr kamen wir endlich im &#8222;Youth Palace&#8220; an und bezogen unser 4-Bett-Zimmer. Da wir uns auf Selbstverpflegung geeinigt hatten, bestand das Abendessen aus Keksen und Nudelsalat.<\/p>\n<div style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"ngg-singlepic ngg-none\" src=\"http:\/\/www.sprintefix.de\/wp-content\/gallery\/2014-07-26-swissalpine-davos\/IMG_3744.JPG\" alt=\"IMG_3744\" width=\"464\" height=\"309\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Monstein<\/p><\/div>\n<p><strong>Fr., 24.7.15:<\/strong><br \/>\nDer Veranstalter des Swiss Alpine empfiehlt zwar eine Akklimatisierung von 5 Tagen, aber wir hatten nur diesen einen Tag daf\u00fcr zur Verf\u00fcgung. Davos liegt auf einer H\u00f6he von 1.500 m und das merkte ich schon ganz fr\u00fch am Morgen, als ich mit Migr\u00e4ne erwachte. Nach einem Kaffee und einem guten Fr\u00fchst\u00fcck verschwanden meine Kopfschmerzen aber zum Gl\u00fcck.<br \/>\nUm 10:00 Uhr machten wir uns auf den Weg zur Abholung unserer Startunterlagen. Klaus war bis 2004 schon 8mal beim Swiss Alpine gestartet und zeigte uns den Weg. Als Jubil\u00e4umsgeschenk zum 30. gab es f\u00fcr jeden ein Handtuch. Klaus und J\u00f6rg konnten sich kaum von dem Film losrei\u00dfen, der auf der Event-Messe in Endlosschleife lief: Impressionen vom langen Kanten. Ich wollte das lieber nicht sehen &#8230; Klaus wollte J\u00f6rg und mich auf bestimmte Zielzeiten festnageln, aber darauf lie\u00dfen wir uns nicht ein. Ich sagte meinen Begleitern, dass sie erst kurz vor 20 Uhr mit mir rechnen sollen.<br \/>\nBeim Sightseeing wurde schnell klar: Die Schweiz ist ein teures Pflaster. Das war sie zwar schon immer, aber seit die Regierung im Februar 2015 die Bindung an den Euro aufgehoben hat, ist ein Euro nur noch 1 Schweizer Franken wert. Man kann zwar in Euro bezahlen, aber nur mit Scheinen. Und das Wechselgeld bekommt man auf jeden Fall in Schweizer Franken. Das billigste Gericht, das ich auf der Speisekarte einer Gastst\u00e4tte sah, waren Spaghetti Napoli f\u00fcr 16,90 CHF.<br \/>\nEs war ein hei\u00dfer Tag und ich wanderte zum Davoser See, schwamm dort ein paar Minuten, aber pl\u00f6tzlich donnerte es. Ein Gewitter zog auf, es begann zu regnen. Die Temperatur fiel erheblich ab. Hoffentlich w\u00fcrden wir morgen besseres Laufwetter haben!<br \/>\nNach den technischen Vorbereitungen (Chip in das Schuhband flechten, Sachen bereitlegen usw.) versuchte ich, mir eine Strategie f\u00fcr diese Herausforderung zurechtzulegen. Aber eigentlich war die seit langem klar und hatte sich am Rennsteig bew\u00e4hrt: Laufen, solange ich laufen kann, und gehen, wo es zu steil wird. Das Zeitlimit betr\u00e4gt 13 Stunden, was einem Durchschnitt von 6 km\/h entspricht. Allerdings wusste ich, dass ich die Berge nur mit 3 km\/h hochkommen w\u00fcrde. Dann musste ich eben mit 9 km\/h abw\u00e4rts. Soweit die Theorie. Ich schrieb mir die Schlie\u00dfzeiten der einzelnen Kontrollpunkte auf einen Zettel, den ich in meine Laufjacke steckte.<\/p>\n<p><div style=\"width: 477px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"ngg-singlepic ngg-none\" src=\"http:\/\/www.sprintefix.de\/wp-content\/gallery\/2014-07-26-swissalpine-davos\/IMG_0428.JPG\" alt=\"IMG_0428\" width=\"467\" height=\"311\" \/><p class=\"wp-caption-text\">die Schatzalp in Davos<\/p><\/div><br \/>\n<strong>Sa., 25.7.15<\/strong><br \/>\nUm 5:30 Uhr essen wir Fr\u00fchst\u00fcck. Neben Brot, Butter, Marmelade, Kaffee und M\u00fcsli g\u00f6nne ich mir sogar ein Tiramisu, obwohl ich ahne, dass das in meinem Magen rumoren wird.<br \/>\nUm 6:00 Uhr mache ich mich auf den Weg zum Start. Zwar muss ich sagen, dass der Swiss Alpine insgesamt hervorragend organisiert ist, aber auch hier gibt es das leidige Problem mit den Toiletten vor dem Start. Als ich endlich an der Reihe bin, bleibt noch 1 Minute bis zum Startschuss um 7:00 Uhr.<br \/>\nZun\u00e4chst drehen wir eine Runde von ca. 3 km rund um Davos. Christiane und Klaus stehen am Stra\u00dfenrand und feuern uns an. Auf den ersten 30 km geht es mal bergauf, dann wieder bergab, \u00e4hnlich wie beim Rennsteiglauf. Bergauf ist es an manchen Stellen schon so steil, dass man gehen muss. Fast alle, die mich bergauf \u00fcberholen, kann ich bergab wieder einfangen. Wir laufen durch ein paar Tunnel und schon vor Monstein wird mir richtig warm und ich binde mir meine Jacke um den Bauch. Da ich mein Rennsteiglaufshirt an habe, werde ich nun ab und zu darauf angesprochen. Eine Frau sagt zu mir &#8222;So eines hole ich mir n\u00e4chstes Jahr auch.&#8220; Ich darauf: &#8222;Ne, das sieht ja jedes Jahr anders aus.&#8220;<br \/>\nIn den Orten, die wir durchlaufen, stehen viele Zuschauer an der Strecke. F\u00fcr das Anfeuern werden alle erdenklichen und vor allem laute Hilfsmittel benutzt. In Spina hat jemand eine Konstruktion gebaut, mit er mehrere riesige Kuhglocken gleichzeitig l\u00e4uten kann, sodass das laute Gebimmel schon von weitem zu h\u00f6ren ist.<\/p>\n<p>In dem Ort Wiesen laufen wir \u00fcber das ber\u00fchmte Viadukt, von dem uns Klaus schon erz\u00e4hlt hat. Ich sprinte ein bisschen, um mich f\u00fcr das Foto in eine gute Position zu bringen. Schon seit dem Start laufen zwei D\u00e4ninnen und 1 D\u00e4ne mal vor mir, mal hinter mir. Ausgerechnet auf der Br\u00fccke wollen sie sich fotografieren. Man h\u00f6rt und sieht im Feld viele schwedische und d\u00e4nische L\u00e4ufer.<br \/>\nAuf einmal \u00fcberholen mich einige L\u00e4ufer und da wird mir klar, dass sie ihre letzten Kr\u00e4fte f\u00fcr den Zielsprint mobilisieren. Nach ca. 3:20 Std. erreiche ich Filisur, wo die 30 km-Starter ihren Lauf beenden. Kurz vor dem Ziel st\u00fcrzt vor mir eine Frau auf einem absch\u00fcssigen Pfad. Zum Gl\u00fcck hat sie sich nur am Arm verletzt und l\u00e4uft weiter auf der K78-Strecke.<br \/>\nAuf einmal wird es richtig leer auf der Strecke. Der Lauf macht mir zu diesem Zeitpunkt immer noch Spa\u00df \u2013 ich kann es kaum glauben. Ab und zu denke ich an meinen Oberschenkel, sp\u00fcre aber keine Schmerzen. Ich suche eine M\u00f6glichkeit, meine Jacke loszuwerden, Kurz hinter Filisur gebe ich sie einem Streckenposten und bitte ihn, sie zu meinen anderen Sachen zu legen. Das klappt gut.<\/p>\n<p>Eine L\u00e4uferin sagt mir, dass ich die Jacke oben noch brauchen w\u00fcrde. Aber ich antworte, dass ich lieber frieren als schwitzen w\u00fcrde &#8230; Sie meint auch, dass wir nun bis Berg\u00fcn 900 H\u00f6henmeter laufen m\u00fcssen, aber das will ich gar nicht wissen. Die Strecke durch das Albulatal ist sehr sch\u00f6n, bietet aber kaum Schatten und mir wird richtig hei\u00df. Dann geht&#8217;s pl\u00f6tzlich in Serpentinen steil nach oben durch einen Wald. Hier muss ich gehen, wie die anderen L\u00e4ufer auch, allerdings bin ich dabei langsamer als die anderen &#8230; Da fragt ein L\u00e4ufer seinen Freund, wie es ihm geht. Der antwortet im Schweizer Dialekt: \u201eWenn\u2019s schon fertig w\u00e4re, w\u00e4r\u2019s auch nicht schlecht.\u201c<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich h\u00f6re ich von fern Lautsprecherdurchsagen. Das muss Berg\u00fcn sein! Hier wird es zum 1. Mal richtig hart, ich habe Durst. Die Getr\u00e4nke- und Energieversorgung an der Strecke ist bisher hervorragend. Besonders die Enervit-Lutschtabletten haben mir geholfen. Da sitzt pl\u00f6tzlich ein Mann an der Strecke und ich frage ihn, ob er Wasser hat. &#8222;Nein&#8220;, sagt er, &#8222;das gibt es erst in 2 km&#8220;. Da sehe ich tief unten im Tal Berg\u00fcn. Oh Gott: So tief hinunter auf nur 2 km! Nat\u00fcrlich wieder in Serpentinen, aber selten so steil, dass ich nicht laufen kann. Einige Japaner oder Koreaner kann ich \u00fcberholen, u.a. einen alten Mann mit Stock, den ich noch \u00f6fter sehen werde, bei km 63 st\u00fcrzt er leider. \u00dcbrigens gehen\/laufen manche Teilnehmer sogar mit zwei St\u00f6cken. Viele haben ihren eigenen Rucksack (vor allem zum Trinken) dabei.<\/p>\n<p>In Berg\u00fcn empf\u00e4ngt uns eine tolle Stimmung. Viele Menschen stehen am Stra\u00dfenrand, hier werde ich zum 1. Mal mit meinem Namen angesprochen (der steht auf der Startnummer). Der Sprecher ruft \u00fcber seinen Lautsprecher jeden L\u00e4ufer einzeln aus und w\u00fcnscht viel Gl\u00fcck auf dem Weg zur Keschh\u00fctte. Ich f\u00fchle mich gar nicht so, als ob ich fast einen Marathon in den Beinen habe. Als ich \u00fcber die Zeitnahmematte laufe, bleibt bis zum Zeitlimit f\u00fcr diesen Ort noch ungef\u00e4hr eine halbe Stunde. Ich kann also ganz beruhigt weiterlaufen.<br \/>\nAuf dem folgenden Abschnitt in Richtung Chants geht es sanft, aber stetig bergan. Viele L\u00e4ufer gehen hier und ich denke mir, dass die sich wohl ihre Kr\u00e4fte gut einteilen wollen. Tats\u00e4chlich f\u00e4llt das Laufen hier schon nicht leicht. Nun f\u00e4llt mir ein, dass ich den Zettel mit den Richtzeiten der Stationen in meiner Jacke und somit nicht mehr bei mir habe. Ein vorbeieilender L\u00e4ufer checkt gerade seinen Zeitplan. Da nutze ich die Gelegenheit, ihn nach der Richtzeit f\u00fcr die Keschh\u00fctte zu fragen. Chants erreiche ich ca. 25 Minuten vor dem Zeitlimit. Ich bin noch guter Dinge und optimistisch, denn die Sonne scheint.<\/p>\n<p>Doch gleich hinter Chants beginnt der wirklich steile zweist\u00fcndige Aufstieg zur Keschh\u00fctte. Gef\u00fchlt komme ich nur noch mit 2 km\/h voran (tats\u00e4chlich sind es hier, wie sp\u00e4ter in meiner Ergebnis-Statistik ersichtlich wird \u2013 3,6 km\/h). Ich muss ab und zu stehen bleiben und werde sieben Mal gefragt, ob alles ok. ist, ob ich etwas brauche oder \u00e4hnliches. Einmal trinke ich aus einer Flasche einen Schluck Isodrink. Drei weitere L\u00e4ufer sprechen mich auf den Rennsteig an. Jedenfalls werde ich ununterbrochen \u00fcberholt, was mich an sich nicht st\u00f6rt, aber ich sp\u00fcre, wie mir die Zeit davonrennt. Hier ahne ich noch nicht, wie streng die Schweizer ihre Zeitlimits nehmen. Was f\u00fcr erstaunliche Gedanken einem beim Bergaufwandern durch den Kopf gehen! In mir h\u00e4mmert komischerweise immer das Wort &#8222;Flachlandtiroler&#8220;.<br \/>\nEndlich kommt die Keschh\u00fctte in Sicht, aber wir m\u00fcssen noch durch ein Tal und wieder hinauf. Als ich die Keschh\u00fctte um 15:30 Uhr endlich erreiche, ist sie in Wolken geh\u00fcllt. Endlich eine Toilette! Nach 5 Minuten verlasse ich diesen zweith\u00f6chsten Punkt der Strecke (2.632 m) und habe leider keine Zeit, das angebotene Risotto zu probieren, denn ich liege nur noch 10 Minuten vor dem Zeitlimit.<\/p>\n<p>Dann erwartet uns ein anspruchsvoller Trail durch eine Hochebene. Ich wei\u00df, dass noch \u00fcber 100 H\u00f6henmeter bis zum h\u00f6chsten Punkt zu erklimmen sind. Auf diesem abwechslungsreichen St\u00fcck h\u00fcpfe ich von Stein zu Stein zwischen den Bachl\u00e4ufen hin und her. Mal geht es ein bisschen hinauf, dann wieder hinunter, an malerischen Seen vorbei. Aber es ist hier merklich k\u00fchler und vor allem windiger. Eine Jacke w\u00e4re nicht schlecht hier oben&#8230; Ich will auf keinen Fall nasse Schuhe bekommen, denn das gibt Blasen.<\/p>\n<p>Ist das hier der ber\u00fchmte Panoramatrail? Wahrscheinlich sehe ich nicht, wie steil es an den Seiten ist, weil der Himmel inzwischen komplett zugezogen ist. Direkt auf dem Sertigpass, dem h\u00f6chsten Punkt der Strecke (2736 m) sitzt ein Fotograf. &#8222;Ich bin ein Held&#8220;, rufe ich ihm entgegen. &#8222;Ich auch&#8220;, ruft hinter mir eine Frau. Erst sp\u00e4ter f\u00e4llt mir ein, dass der Mann neben dem Fotografen der Arzt gewesen sein muss, der angeblich jedem L\u00e4ufer tief in die Augen schaut, um zu pr\u00fcfen, ob er noch fit genug f\u00fcr den Rest der Strecke ist. Wahrscheinlich habe ich ihn durch mein L\u00e4cheln davon \u00fcberzeugt, dass er mich weiterziehen lassen kann. Nach meiner Uhr komme ich am Sertigpass um 17:03 Uhr, also 3 Minuten zu sp\u00e4t an. Aber ich mache mir keine Sorgen, aus dem Rennen genommen zu werden, denn hier oben m\u00fcssten sie die Leute ja mit Hubschraubern abholen. Au\u00dferdem wei\u00df ich aus dem Streckenprofil, dass es von hier aus auf den letzten 18 km nur noch bergab geht. Und das m\u00fcsste doch in 3 Stunden zu schaffen sein, denke ich. Aber wie so oft liegen auch hier Welten zwischen Theorie und Praxis&#8230;<\/p>\n<p>Als ich hinter dem Pass absteige, sehe ich auf einmal gar nichts mehr, keinen L\u00e4ufer und auch kaum den Weg. Nur Nebel umf\u00e4ngt mich. Ich versuche, im Ger\u00f6ll, den serpentinenartigen Weg zu erahnen. Auch die F\u00e4hnchen des Sponsors Migros, die bisher zuverl\u00e4ssig den Weg markierten, fehlen hier oben. Wenn es so steil bergab geht wie hier, gehe ich vorsichtig und nicht schnell. Deshalb werde ich auch hier wieder \u00fcberholt. Aber als das Terrain weniger steil wird, kann ich wieder normal laufen. Jetzt f\u00fchlt es sich ein bisschen an wie der Abstieg vom Inselsberg. Ich beginne zu frieren &#8211; hier sind h\u00f6chstens 10\u00b0C und es ist sehr feucht. Im Nebel entdecke ich etwas Oranges: eine Sanit\u00e4terin hockt da. Ich frage sie, ob sie evtl. eine Jacke f\u00fcr mich hat. Leider braucht sie ihre selbst \u2013 logisch.<\/p>\n<p>Im Ch\u00fcealptal ist der technisch anspruchsvolle Abstieg beendet und wir auf 2.204 m abgestiegen. Hier beginnt eine Fahrstra\u00dfe und die Veranstalter haben einen Getr\u00e4nkepunkt aufgebaut, an dem ich um 17:45 Uhr ankomme. Die Helferin am Getr\u00e4nkepunkt mahnt zur Eile, weil die Station in Sertig D\u00f6rfli um 18:10 Uhr schlie\u00dfen wird. &#8222;Das schaffen Sie noch&#8220;, ermuntert sie mich. 4 km sind es bis dahin. Also muss ich ca. 9 km\/h laufen, m\u00fcsste bergab wohl zu schaffen sein, auch mit 61 km in den Beinen. Mir kommen 2 Streckenwagen entgegen. Ich l\u00e4chle die M\u00e4nner auf den Wagen freundlich an, damit sie gar nicht erst auf die Idee kommen, ich w\u00fcrde aufsteigen wollen.<br \/>\nAls ich Sertig D\u00f6rfli erreiche, ruft der Sprecher aus: &#8222;Noch eine Minute bis wir schlie\u00dfen.&#8220; Wir haben den letzten Kontrollpunkt gerade noch rechtzeitig erreicht. Eine Japanerin, die gerade neben mir l\u00e4uft, freut sich mit mir und reicht mir die Hand. Da h\u00f6re ich, wie der Sprecher ausruft: &#8222;Noch 3-4 Minuten bis diese Station schlie\u00dft&#8220;. Sp\u00e4ter sehe ich in der Ergebnisliste, dass hier 19 Minuten nach der vorgegebenen Zeit der letzte L\u00e4ufer durchgelassen wurde.<br \/>\nEin Mann fragt mich, ob wir das Ziel vor 20:00 Uhr erreichen k\u00f6nnen. Ich sage ihm, dass ich hier auch zum 1. Mal laufe und das wohl davon abh\u00e4ngt, wie viele Anstiege noch kommen. Eine \u00e4ltere Dame will uns entmutigen &#8222;Da kommen noch so einige.&#8220; Ich bin \u00fcberrascht \u00fcber dieses Auf und Ab, denn auf dem Profil sah es so aus, als ob es auf den letzten 18 km nur bergab geht\u2026<br \/>\nAm n\u00e4chsten Tag erfahre ich, dass etliche L\u00e4ufer hier aus dem Rennen genommen wurden und mit Bus und Bahn und Umsteigen selbst nach Davos zur\u00fcckfahren mussten. Ich bin froh, dass mir das erspart blieb.<\/p>\n<p>Die letzten 11 km sind anstrengend, es regnet ca. eine halbe Stunde, der Schwei\u00df rinnt mir in die Augen und ich sehe nichts mehr. Man sieht Davos schon 7 km vor dem Ziel. Umso h\u00e4rter trifft mich das 5 km-Schild, das kann doch wohl nicht mehr sooo weit sein! Ich treffe drei Frauen mit Frankfurt-T-Shirts, die ich aufgrund ihrer geschlossenen Mannschaftsleistung bewundere. Leider muss ich 3 km vor dem Ziel in den Busch. Ein Bauer sorgt auf den letzten Kilometern noch f\u00fcr Erheiterung. Er hat ein Transparent an seine Scheune geh\u00e4ngt: &#8222;Save water, drink milk.&#8220; Allerdings hat er bei str\u00f6menden Regen seinen Rasensprenger angestellt &#8230;<\/p>\n<p>Als wir endlich in den Stra\u00dfen von Davos angekommen sind, sagt ein L\u00e4ufer neben mir: &#8222;Wie am Rennsteig, wo es zum Schluss nochmal richtig bergauf geht.&#8220; Ich kann ihm nicht mehr antworten, daf\u00fcr reicht meine Puste nicht mehr.<br \/>\nIm Ziel erwarten mich Christiane, J\u00f6rg und Klaus. Sie haben schon stundenlang auf mich gewartet, weil sie mir meine Ank\u00fcndigung nicht gelaubt haben. Aber ich habe mit meiner Finisherzeit von 12 Stunden, 40 Minuten und 23 Sekunden mein Ziel erreicht, unter 13 Stunden anzukommen. Dass es unterwegs so knapp werden w\u00fcrde, hatte ich vorher nat\u00fcrlich nicht geahnt. Ich bekomme meine Medaille und mein Finisher-Shirt und ich muss mich nicht mal ins Gras werfen. Die Dusche habe ich ganz f\u00fcr mich allein. Auch auf meinem Nachhauseweg begegne ich kaum einem Menschen, denn es ist k\u00fchl und fast dunkel.<\/p>\n<p><strong>Fazit:<\/strong><br \/>\nInsgesamt bin ich w\u00e4hrend des Lauf ca. 5 Stunden gelaufen (davon 3 zu Beginn und 2 zum Schluss) und 7:40 Stunden gegangen. In dieser Zeit bin ich 2560 Meter hoch und genauso viele Meter wieder hinunter gelaufen oder gegangen.<br \/>\nDie R\u00fcckfahrt am Sonntag verlief fast reibungslos. Im Frankfurt stieg ein Amerikaner aus Oregon in den Zug, der gerade auf seiner R\u00fcckreise aus Santiago de Compostela war. 6 Wochen war er auf dem Jakobsweg unterwegs gewesen. Wir fachsimpelten ein bisschen, sodass die Reise fast wie im Fluge verging.<br \/>\nEine Teilnahme am Swiss Alpine ist ein Ereignis, das sicherlich bleibende Spuren bei jedem L\u00e4ufer hinterl\u00e4sst. Wer die Berge liebt, sollte sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen. Es muss ja nicht gleich der ganz lange Kanten sein.<\/p>\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.sprintefix.de%2F%3Fp%3D87411&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=450&amp;action=like&amp;colorscheme=light\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" allowTransparency=\"true\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px;margin-top:5px;\"><\/iframe>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gastbericht von Gerlind Was zieht einen Fischkopf zum Swiss Alpine nach Davos? Schon wenige Wochen, nachdem ich mich Anfang Januar f\u00fcr dieses Event angemeldet hatte, wusste ich die Antwort auf diese Frage nicht mehr. 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